Die Greiffbar

Investments zu Anfassen

Börsenzoo

Welche Themen waren diese Woche am Finanzmarkt relevant?

  • Schildkrötentempo
  • Krokodilstränen
  • Löwenanteil

Schildkrötentempo

Willkommen im Börsenzoo! Unser erster Bewohner heißt Jonathan, lebt auf der Atlantikinsel St. Helena und ist stolze 194 Jahre alt. Damit ist die Riesenschildkröte das älteste bekannte lebende Landtier der Welt. Eine diese Woche veröffentlichte Studie bescheinigt ihr erstaunlich jugendliche biologische Eigenschaften. Jonathan hat zwei Weltkriege, zahllose Finanzkrisen und vermutlich mehr Börsencrashs überlebt als jeder Fondsmanager. Und das ohne einen einzigen Blick auf den DAX. Wobei das mit dem Blick ohnehin schwierig wäre: Jonathan ist inzwischen blind. Vielleicht sollten Anleger häufiger auf Schildkröten hören. Denn während an den Börsen jede Zinsentscheidung im Minutentakt interpretiert wird, entfaltet der Zinseszins seine Wirkung am liebsten über Jahrzehnte. Aus 10.000 Euro werden bei sieben Prozent jährlicher Rendite nach 50 Jahren 295.000 Euro. Ohne hektisches Umschichten, ohne tägliche Prognosen und ohne die Frage, ob die nächste Notenbanksitzung nun eine Überraschung bringt. Dabei wird Geduld künftig noch wichtiger. Denn wenn wir immer älter werden, muss unser Vermögen länger reichen. Die größte Gefahr für die Altersvorsorge ist womöglich nicht der nächste Börsencrash, sondern dass das Geld vor seinem Besitzer das Zeitliche segnet. Jonathan jedenfalls beweist: Man muss nicht besonders schnell sein, um besonders weit zu kommen.

Krokodilstränen

Unser zweiter Zoobewohner ist ein Krokodil, das fast ein Jahrhundert lang unter falschem Namen unterwegs war. Ein rund 45 Millionen Jahre altes Fossil aus Ägypten wurde wissenschaftlich neu untersucht und diese Woche einer bislang unbekannten Krokodilgattung zugeordnet. Besonders kurios: Der Schädel stammt aus derselben Gesteinsformation wie die berühmte Sphinx, und ihm fehlt ebenfalls die Nasenspitze. Das Tier hat sich in all den Jahren nicht verändert. Nur die Einschätzung der Experten. An der Börse kommt einem das irgendwie bekannt vor. Besonders am Anleihemarkt. Jahrzehntelang galten Staatsanleihen als Hort der Sicherheit. Jetzt werden ausgerechnet dort die Tränen immer größer. Die Rendite 30-jähriger US-Staatsanleihen erreichte diese Woche mit gut 5,7 Prozent den höchsten Stand seit 24 Jahren. Dazu passt: Die Inflation im Euroraum sprang im September von 3,2 auf 3,8 Prozent. Erschwerend kommt der schwache Euro hinzu, der gegenüber dem Dollar zeitweise unter 1,12 fiel. Weil Öl und viele andere Rohstoffe in Dollar gehandelt werden, verteuert die schwache Gemeinschaftswährung die Importe zusätzlich. Die Inflation bekommt damit gleich doppelt Futter: durch steigende Rohstoffpreise und eine schwächere Währung. Und Frankreich liefert das passende politische Drama. Eine Staatsverschuldung von nahezu 120 Prozent der Wirtschaftsleistung, Haushaltsstreitigkeiten und steigende Refinanzierungskosten treiben die Renditen französischer Staatsanleihen auf Niveaus, die man seit 2002 nicht mehr gesehen hat. Für 2027 plant Frankreich Anleiheemissionen von rund 340 Milliarden Euro. Ausgerechnet in einer Zeit, in der Geld wieder richtig teuer geworden ist. Das wirklich Bemerkenswerte: Je teurer die Schulden werden, desto schwieriger wird es, sie zu beherrschen. Ein Teufelskreis. Und während Politiker Krokodilstränen über steigende Finanzierungskosten vergießen, verlangt der Kapitalmarkt etwas ziemlich Unromantisches: glaubwürdige Haushalte. Vielleicht muss man Staatsanleihen inzwischen genauso neu einordnen wie unser ägyptisches Krokodil. Nur sollte man dafür besser keine hundert Jahre brauchen.

Löwenanteil

Kommen wir zum König der Tiere. Eine aktuelle Studie aus Australien zeigt, dass Löwen in Zoos fast dreimal so lange mit Fressen beschäftigt sind, wenn man ihnen ganze Tierkörper statt fertig portionierter Mahlzeiten anbietet. Offenbar macht es einen Unterschied, ob man sein Futter selbst bearbeiten muss oder es mundgerecht serviert bekommt. An der Börse scheint sich diese Erkenntnis noch nicht herumgesprochen zu haben. Dort bekommen die größten Technologiekonzerne derzeit den Löwenanteil des Kapitals praktisch auf dem Silbertablett serviert. Milliarden fließen über ETFs und andere indexorientierte Anlagen automatisch in die ohnehin schon größten Unternehmen. Wer schwer genug ist, bekommt mehr. Wer mehr bekommt, kann noch schwerer werden. Ein bemerkenswertes Geschäftsmodell, jedenfalls solange die Anleger mitspielen. Doch unter der Oberfläche sieht es weniger königlich aus. Während die großen Indizes von wenigen Schwergewichten gestützt werden, leiden viele kleinere Unternehmen unter steigenden Finanzierungskosten. Gerade für sie ist es ein gewaltiger Unterschied, ob Kapital vier, fünf oder sechs Prozent kostet. Die KI-Giganten hingegen investieren Milliarden in Rechenzentren, Chips und Infrastruktur. Sie konkurrieren damit zunehmend mit Staaten und anderen Unternehmen um dasselbe Kapital. Der Kampf um die Zukunft wird so auch zu einem Kampf um die Finanzierung der Zukunft. Das wirft eine interessante Frage auf: Wenn die Löwen bereits den größten Teil des Futters bekommen, wo liegen dann die Chancen für Anleger? Vielleicht gerade bei jenen Unternehmen, die heute niemand füttern will. Denn nicht jedes übersehene Tier ist deshalb ein schlechter Jäger. Und nicht jeder Löwe bleibt ewig König. Unser Rundgang endet damit bei einer Erkenntnis, die weit über den Zoo hinausgeht: An der Börse gibt es Schildkröten, Krokodile und Löwen. Das Problem ist nur, dass sich die meisten Anleger für Löwen halten, sich wie Krokodile verbeißen und nicht einmal die Geduld einer Schildkröte besitzen.

Ihr Volker Schilling

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