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Geldsegen oder Geldsorgen

Welche Themen waren diese Woche am Finanzmarkt relevant?

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Geldregen

Im August 1967 regnete es an der Wall Street Geld. Kein Börsenboom, kein Konjunkturprogramm und keine Notenbank steckten dahinter, sondern der Aktivist Abbie Hoffman. Gemeinsam mit seinen Mitstreitern warf er von der Besuchergalerie der New York Stock Exchange Dollarnoten aufs Parkett. Die Händler unterbrachen ihre Arbeit und bückten sich nach dem kostenlosen Geld. Free Money funktioniert eben immer. Genau 59 Jahre später hat sich nur die Größenordnung verändert. Die US-Staatsschulden haben diese Woche die 40.000.000.000.000 Dollar überschritten. Die Rendite 30-jähriger US-Staatsanleihen schoss auf fast 5,34 Prozent, den höchsten Stand seit 2007. Zehnjährige Bundesanleihen rentierten zeitweise mit mehr als 3,2 Prozent. Anleihen scheinen also wieder attraktiv. Leider vor allem für diejenigen, die sie nicht ausgeben müssen. Am Aktienmarkt hieß es entsprechend: Geldregen aus, Regenschirm auf. Der Halbleiterindex verlor gleich 5 Prozent. Denn je höher der Zins, desto weniger wert ist die weit entfernte Zukunft und gerade bei KI-Aktien wird bekanntlich ziemlich viel Zukunft gehandelt. Nach Jahren des Geldregens lässt der Bondmarkt alle nass aussehen. Doch:

Geldsegen

Am Mittwoch griff Washington deshalb zum Regenschirm. Das US-Finanzministerium verdoppelte überraschend seine Rückkäufe länger laufender Staatsanleihen von zwei auf mindestens vier Milliarden Dollar. Gemessen am riesigen Treasury-Markt ist das Kleingeld. Die Wirkung war trotzdem groß: Die 30-jährige Rendite fiel erst einmal Richtung 5,2 Prozent. Keine neue Geldschwemme, Finanzminister Scott Bessent ist auch nicht heimlich Fed-Chef geworden. Bemerkenswert bleibt es trotzdem. Denn ausgerechnet am selben Tag veröffentlichte die Fed ihr Protokoll der letzten Sitzung: Drei Mitglieder wollten bereits im Juli die Zinsen erhöhen, mehrere könnten sich eine Straffung vorstellen. Die Fed tritt also auf die Bremse, während das Finanzministerium gleichzeitig ein bisschen am Gaspedal spielt. Finanzpolitisch nennt man das vermutlich Arbeitsteilung. Den größten Geldsegen bekamen Goldanleger. Sinkende Renditen und ein schwächerer Dollar katapultierten Gold um mehr als vier Prozent über 4.500 Dollar je Unze. Letzte Woche schrieb ich hier noch über Nixon und das Ende der Goldbindung. Diese Woche hilft Washington dem Goldpreis selbst über die nächste Marke. Geldsegen gab es auch in China. Unitree, Hersteller jener humanoiden Roboter, die ich bereits letzte Woche verlinkt hatte, sprang beim Börsendebüt um 629 Prozent. Die Privatanleger-Tranche war mehr als 8.000-fach überzeichnet. Rund 218 Millionen Euro Umsatz treffen nun auf etwa 57 Milliarden Euro Börsenwert. Die Roboter können Saltos. Den spektakulärsten Sprung machte aber die Aktie. Investoren der ersten Stunde haben daher keine Geldsorgen mehr. Apropos:

Geldsorgen

Der Geldsegen hielt nicht lange, denn das eigentliche Problem dieser Woche schwimmt im Persischen Golf. Brent stieg wieder über 90 Dollar, die Spannungen mit Iran nehmen zu und der Verkehr durch die Straße von Hormus liegt brach. Gerade als die US-Inflation etwas nachlässt, der Erzeugerpreisdruck sinkt und schwächere Einzelhandelsumsätze gegen eine schnelle Zinserhöhung sprechen, springt der Ölpreis wieder an. Selbst Deutschland bekommt seine ganz eigene Version davon. Niedrige Rheinpegel erschweren den Transport von Kraftstoffen, Benzin verteuerte sich binnen einer Woche um 3,7 Cent und Diesel um 5,3 Cent. Wenn der Flusspegel fällt, steigt die Tankrechnung. Wirtschaftliche Hydraulik kann so einfach sein. Genau deshalb schaue ich diese Woche weniger auf Aktien als auf Anleihen. Denn normalerweise sollten schwächere Konjunkturdaten die langfristigen Renditen drücken. Diesmal taten sie es zunächst nicht. Und wer dem amerikanischen Staat für 30 Jahre Geld leiht, möchte für die Aussicht inzwischen ordentlich bezahlt werden. Doch lohnt sich das für Investoren? Ich meine nicht und habe im Finance Fight Club darüber heftig gestritten: Aktien oder Anleihen? 1967 regnete es an der Wall Street Geld. Heute regnet es Schuldscheine. Nur bücken will sich danach keiner mehr.

Ihr Volker Schilling

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