Welche Themen waren diese Woche am Finanzmarkt relevant?
- Zu spät
- Zu früh
- Zu genau
Zu spät
Gestern war der Zuspätkommtag. Ein inoffizieller Feiertag für alle, die grundsätzlich erst erscheinen, wenn der Kuchen schon verteilt ist. Passend dazu las ich diese Woche eine Meldung, die zunächst wie Satire klang: Amerikanischen Murmeltierforschern wurden staatliche Forschungsgelder gestrichen. Damit ihre jahrzehntelange Langzeitstudie nicht endet, finanzieren sie ihre Arbeit künftig über OnlyFans. Ich dagegen finanziere mein Unternehmen ausschließlich über OnlyFonds. Kommen wir vom Murmeltier zum DAX. Wer in diesen Tagen nur auf den Indexstand schaut, könnte meinen, die Börse halte Sommerschlaf. Tatsächlich verhält sie sich eher wie ein Dachs: Nach außen wirkt alles erstaunlich ruhig, unter der Oberfläche wird jedoch unermüdlich gegraben. Während sich die großen Indizes kaum bewegen, werden die Depots kräftig umgebaut. Geld fließt aus den ehemaligen KI-Lieblingen in Banken, Versicherungen, Industrie- und Gesundheitswerte. Der Index steht scheinbar still. Das Kapital zieht dagegen gerade um. Die Deutsche Bank liefert dafür das passende Beispiel. Jahrelang galten Bankaktien als langweiliges Börseninventar. Nun überrascht Deutschlands größtes Geldhaus mit einem Quartalsgewinn von 1,64 Milliarden Euro und schlägt die Erwartungen deutlich. Adidas dagegen enttäuscht die Anleger mit seinen Zahlen und gibt prompt 20 Prozent an Wert ab. Vielleicht ist genau das die eigentliche Bedeutung des Zuspätkommtags. Wer Trends grundsätzlich erst erkennt, wenn sie jeder erkennt, kommt häufig zu spät. Noch schneller ging es diese Woche in China. Der Börsengang des Speicherchipherstellers CXMT bescherte den ersten Investoren Kursgewinne von mehr als 460 Prozent. Wer morgens noch überlegte, ob er einsteigen sollte, musste mittags bereits fast das Sechsfache bezahlen. An der Börse dauert der Zuspätkommtag manchmal nur bis zur Erstnotiz.
Zu früh
Mindestens genauso teuer wie zu spät zu kommen, ist allerdings, zu früh Recht haben zu wollen. Die Berichtssaison liefert dafür derzeit gleich mehrere Lehrstücke. Microsoft präsentierte beeindruckende Quartalszahlen. Umsatz, Gewinn und Cloudgeschäft übertrafen die Erwartungen deutlich. Die Aktie legte nachbörslich kräftig zu. Die eigentliche Botschaft lautet jedoch: Künstliche Intelligenz muss nicht mehr versprechen. Sie muss liefern. Microsoft liefert inzwischen beides. Samsung zeigte die andere Seite derselben Medaille. Die Ergebnisse waren hervorragend, das Halbleitergeschäft entwickelte sich glänzend. Trotzdem schloss die Aktie im Minus. Nicht weil Samsung enttäuschte. Sondern weil die Erwartungen größer waren als das Ergebnis. Früher mussten Unternehmen besser werden als im Vorjahr. Heute müssen sie besser sein als die Fantasie der Analysten. Dasselbe gilt aus meiner Sicht derzeit auch für Gold. Nach dem deutlichen Rücksetzer bewegt sich der Goldpreis um die Marke von 4.000 Dollar. Niemand kennt den exakten Tiefpunkt. Aber gerade deshalb könnten sich dort wieder interessante Einstiegschancen ergeben. Wer erst investiert, wenn der Boden offiziell bestätigt ist, kauft meist wieder zu spät. Ich halte jetzt für nicht zu früh, sondern für genau richtig. Apropos:
Zu genau
Bleibt also die schwierigste aller Börsenfragen: Wann ist eigentlich genau richtig? Die amerikanische Notenbank beantwortete sie in dieser Woche ungefähr so eindeutig wie ein Orakel. Die Zinsen blieben unverändert. Kevin Warsh hielt sich sämtliche Optionen offen. Die Inflation ist noch nicht besiegt, die Konjunktur noch nicht schwach genug und die Kapitalmarktzinsen übernehmen bereits einen Teil der Bremsarbeit. Der Anleihemarkt hörte zwei Botschaften gleichzeitig: Die kurzfristigen Renditen gaben nach, die langfristigen stiegen weiter. Fast zeitgleich verschärfte Washington erneut den Zollstreit. Und täglich grüßt das Murmeltier. Oder vielleicht doch nicht. Denn die Schlagzeilen wiederholen sich zwar erstaunlich oft. Die Gewinner tun es nicht: Der Nasdaq nähert sich mit einem Rücksetzer von 10 Prozent einer Korrektur und ist daher reif für eine Gegenbewegung. Unter der Oberfläche verändert sich derzeit deutlich mehr, als viele Anleger wahrnehmen. Die Börse wird wieder zu dem, was sie eigentlich immer sein sollte: ein Markt für Unternehmen. Nicht für Schlagzeilen. Dazu passt ein Satz von dem von mir sehr verehrten Karl Valentin: „Heute ist die gute alte Zeit von morgen.“
Ihr Volker Schilling