Die Greiffbar

Investments zu Anfassen

Wie geschmiert

Welche Themen waren diese Woche am Finanzmarkt relevant?

  • Das geht runter wie Öl
  • Öl ins Feuer gießen
  • Wie geölt laufen

Das geht runter wie Öl

Heißt es nicht eigentlich: Das geht runter wie Öl? Stattdessen geht es nur hoch mit dem Öl diese Woche. Brent stieg zeitweise über 97 Dollar und damit wieder gefährlich nahe an die magische 100-Dollar-Marke. Auslöser ist einmal mehr der eskalierende Konflikt zwischen den USA und dem Iran. Die Straße von Hormus bleibt dabei das Nadelöhr der Weltwirtschaft. Zwar wird weiter Öl transportiert, aber die erneuten Angriffe haben den Risikoaufschlag kräftig steigen lassen. Eigentlich ist es deshalb erstaunlicher, dass Öl nicht längst bei 120 oder 150 Dollar steht. Der Markt scheint sich an geopolitische Eskalationen gewöhnt zu haben. Für die Ölkonzerne läuft es wie geschmiert. Bei Preisen um 100 Dollar sprudeln nicht nur die Quellen, sondern auch die Cashflows. Viele Ölaktien werden weiterhin mit einstelligen KGVs bewertet. Während bei KI-Unternehmen darüber diskutiert wird, was sie 2030 verdienen könnten, verdienen die Ölmultis ihr Geld schon heute. Vielleicht ist der wahre Ölprinz unserer Zeit deshalb gar kein Scheich, sondern der Aktionär, der sich Dividenden und Aktienrückkäufe und Kursgewinne bei Ölaktien auszahlen lässt.

Öl ins Feuer gießen

Problematisch wird es, wenn aus dem schwarzen Gold geldpolitischer Zündstoff wird. Öl um 95 Dollar gießt zusätzlich Öl ins ohnehin schwelende Inflationsfeuer. Kein Wunder also, dass die Notenbanker schon einmal die Stimme ölen. Nach den zuletzt hawkischen Tönen von US-Notenbankchef Kevin Warsh sind weitere Zinserhöhungen keineswegs vom Tisch. Öl ist momentan ohnehin fast das einzige Fed-Mitglied, das bei jeder Sitzung ungefragt mit abstimmt und zuverlässig für höhere Zinsen votiert. Entsprechend nervös reagieren die Kreditmärkte. Die zehnjährige US-Rendite stieg zeitweise über 4,75 Prozent, weltweit gerieten Staatsanleihen unter Druck. Die Kausalkette ist simpel: Öl treibt Inflation, Inflation treibt Zinsen und Zinsen drücken Bewertungen. Ausgerechnet beim Öl funktioniert die Energiewende also hervorragend. Ein Fass reicht momentan, um gleich drei Märkte anzutreiben. Besonders für hoch bewertete Wachstumsaktien könnte ein dauerhaft höheres Zinsniveau irgendwann zur letzten Ölung werden. Noch laufen die KI-Maschinen allerdings auf Hochtouren. Und nebenbei konkurrieren Staaten und Techkonzerne inzwischen um dieselbe knappe Ressource: Kapital. Chips kann man produzieren. Geld auch. Nur könnte letzteres ziemlich teuer werden.

Wie geölt laufen

Und ausgerechnet in dieser Gemengelage gibt der deutsche Wirtschaftsmotor plötzlich wieder Lebenszeichen von sich. Das DIW hat seine Wachstumsprognose für Deutschland von 0,5 auf 1,2 Prozent mehr als verdoppelt, das IfW erwartet inzwischen 1,3 Prozent. Das BIP wuchs im zweiten Quartal um 0,3 Prozent, die Exporte überraschten positiv und die Stimmung hellt sich auf. Deutschland läuft noch lange nicht wie geölt, aber immerhin springt der Motor wieder an. Unter die Haube sollte man trotzdem schauen. Rund 70 Prozent des vom DIW erwarteten Wachstums stammen aus staatlichem Konsum und Investitionen. Infrastruktur-Sondervermögen und Verteidigungsausgaben wirken wie eine Starthilfe. Der Staat hat also den Motor angeworfen, bezahlt den Sprit und steht momentan auch noch auf dem Gaspedal. Jetzt wäre es schön, wenn die Privatwirtschaft irgendwann selbst das Steuer übernimmt. Dass der deutsche Motor noch kräftig stottert, zeigt ausgerechnet Volkswagen. Diese Woche wurde bekannt, dass das Management die Produktion an vier deutschen Konzernstandorten zwischen 2031 und 2034 beenden will. Vor der Aufsichtsratssitzung am Freitag wird um Stellen, Kapazitäten, Kosten und sogar die 35-Stunden-Woche gerungen. Deutschlands größter Autobauer wird damit unfreiwillig zum Symbol der deutschen Wirtschaft: Der Motor läuft noch, aber die Werkstattrechnung wird größer. Trotzdem sind die besseren Konjunkturdaten ein echtes Lebenszeichen. Deutschland muss ja nicht gleich wieder auf die Überholspur. Fürs Erste wäre es schon schön, wenn wir den Standstreifen verlassen würden. Öl ist eben ein bemerkenswerter Rohstoff. Unter der Erde heißt es schwarzes Gold, an der Tankstelle Inflation, bei der Fed Zinspolitik und an der Börse plötzlich wieder Risiko. Nur eines war Öl noch nie: obsolet.

Ihr Volker Schilling

Weitere Beiträge

Here You Come Again

Diese Zeilen von Dolly Parton beschreiben so treffend die Entwicklung von Anleihen, KI...

Geldsegen oder Geldsorgen

Diese Woche standen, neben einem spektakulären Börsendebüt, vor allem Anleihen im...

Sternstunden

Sonne weg, Sterne da. An den Börsen lief es genau andersherum: Die Finsternis lichtet sich