Welche Themen waren diese Woche am Finanzmarkt relevant?
- Winnie Puuh
- I-Aah
- Tigger
Winnie Puuh
Puuh! Diese Woche wurde Winnie Puuh 100 Jahre alt. Am 14. Oktober 1926 veröffentlichte A. A. Milne sein erstes Buch über den liebenswerten Bären und seine Freunde im Hundertmorgenwald. Puuh ist freundlich, gutmütig, gelegentlich etwas begriffsstutzig und hat eigentlich nur ein Problem: Er denkt ständig an Honig. Hat er einen Topf gefunden, fragt er sich bereits, wo der nächste steht. An der Börse würde man ihn vermutlich als wachstumshungrigen Spekulanten bezeichnen. Doch Bären sind an der Börse unbeliebt, so wie Winnie Puuh bei der chinesischen Staatsführung. In China wurde er zum Politikum, weil Internetnutzer Staatspräsident Xi Jinping ständig mit ihm verglichen. Entsprechende Bilder und Memes wurden zensiert. Es gehört zu den bemerkenswerten Eigenheiten der Weltpolitik, dass sich die Führung einer Atommacht von einem honigliebenden Zeichentrickbären provoziert fühlen kann. Immerhin zeigt sich Peking beim Handel mit Europa diese Woche inzwischen kompromissbereiter. China hat einer Begrenzung seiner Hybridautoexporte in die EU auf zunächst 350.000 Fahrzeuge jährlich zugestimmt und Erleichterungen bei Exportgenehmigungen für Seltene Erden zugesagt. Auch bei Zöllen auf europäische Waren gibt es Bewegung. Bei chinesischen Elektroautos bleibt dagegen noch einiges zu verhandeln. Die EU will ihre Industrie schützen, ohne den Zugang zu wichtigen Rohstoffen zu verlieren. China wiederum braucht Absatzmärkte für seine gewaltigen Produktionskapazitäten. Rabbit, das ordnungsliebende Kaninchen, würde vermutlich darauf bestehen, erst einmal sämtliche Vereinbarungen ordentlich aufzulisten, bevor alle an denselben Honigtopf wollen.
I-Aah
Im Hundertmorgenwald gibt es jemanden, der sich darüber kaum freuen würde: I-Aah, der melancholische Esel. Seine Grundhaltung ist einfach. Was schiefgehen kann, wird schiefgehen. Und wenn ausnahmsweise alles gut läuft, ist das vermutlich nur ein Versehen. An der Börse wäre er ein hervorragender Crashprophet. Selbst nach einer Kursverdoppelung würde er erklären, dass es nun wenigstens doppelt so tief fallen könne. Diese Woche bekam er neue Argumente. Die amerikanische Inflationsrate stieg im September auf 3,7 Prozent. Die Energiepreise lagen sogar 20,4 Prozent über dem Vorjahresniveau. Die Hoffnungen auf baldige Zinssenkungen erhielten einen Dämpfer. Ferkel, der ängstliche Freund von Puuh, hätte spätestens jetzt begonnen, seine Ersparnisse unter dem Kopfkissen zu verstecken. Die Eule würde ihm vermutlich erklären, dass Bargeld bei dieser Inflation massiv an Kaufkraft verliert. Sie weiß schließlich immer alles. Zumindest glaubt sie das. Die US-Bankenberichtssaison liefert dazu einen bemerkenswerten Gegensatz. Goldman Sachs steigerte die Erträge im Aktienhandel um 72 Prozent, JPMorgan um 49 Prozent und Morgan Stanley um 41 Prozent. Wenn es an den Börsen hektisch zugeht, klingeln bei den Banken offenbar besonders kräftig die Kassen. Gleichzeitig schlummern bei der Bank of America rund 109 Milliarden Dollar unrealisierte Verluste in den Anleihebeständen. Kein unmittelbar realisierter Verlust, aber eine eindrucksvolle Erinnerung daran, dass steigende Zinsen auch professionelle Geldverwalter treffen. Gopher, das geschäftige Erdhörnchen, würde das Problem verstehen. Es gräbt unermüdlich Tunnel und fällt dabei gelegentlich in die eigenen Löcher. Auch am Kapitalmarkt lassen sich Risiken wunderbar vergraben. Bis irgendwann jemand hineinfällt. Und I-Aah? Der würde nur feststellen, dass er es schon immer gewusst habe. Das Problem mit Pessimisten ist schließlich nicht, dass sie niemals recht haben. Sondern dass sie selbst dann unzufrieden bleiben, wenn sie recht behalten.
Tigger
Zum Glück gibt es im Hundertmorgenwald auch Tigger. Während I-Aah jeden neuen Tag für eine Zumutung hält, betrachtet Tigger jede Gelegenheit als Sprungbrett. Er hüpft, springt und ist überzeugt, dass es immer weiter nach oben geht. Ein geborener Momentum-Investor, der vermutlich sämtliche Ersparnisse in Halbleiteraktien gesteckt hätte. Doch diese Woche bekam der springfreudige Tigger einen Dämpfer. Der amerikanische Halbleiterindex verlor am Mittwoch rund vier Prozent. Zahlreiche KI-Lieblinge gerieten unter Verkaufsdruck. Ausgerechnet in einer Phase, in der die Nachfrage nach Rechenleistung weiterhin gewaltig ist. Denn die Unternehmen erzählen teilweise eine andere Geschichte als ihre Aktienkurse. Der niederländische Chipausrüster ASML meldete im dritten Quartal 11,7 Milliarden Euro Umsatz und hob seinen Jahresausblick auf 44 bis 45 Milliarden Euro an. Die Technologiekonzerne investieren weiter Milliarden in Rechenzentren und Infrastruktur. Doch die Börse unterscheidet zwischen einem großartigen Unternehmen und einer großartigen Aktie. Sind die Erwartungen astronomisch hoch, können selbst hervorragende Zahlen enttäuschen. Tigger würde darin vermutlich nur den Anlauf zum nächsten Sprung erkennen. Christopher Robin, der vernünftige Freund aus dem Hundertmorgenwald, sähe das differenzierter. Er würde Tigger erklären, dass nicht jeder Kursrückgang eine Kaufgelegenheit ist, I-Aah daran erinnern, dass nicht jede schlechte Nachricht den Weltuntergang bedeutet, und Puuh den Honigtopf wegnehmen, bevor er darin stecken bleibt. An der Börse begegnen uns täglich Puuhs, I-Aahs und Tiggers. Die einen haben ständig Hunger, die anderen ständig Angst und die Dritten ständig Höhenflüge. Vielleicht besteht die wahre Kunst des Investierens darin, von allen dreien etwas zu haben, aber von keinem zu viel. Denn eines gilt im Hundertmorgenwald genauso wie an der Wall Street: Wer immer nur nach Honig sucht, überall Gefahren wittert oder ständig nach oben springt, verliert irgendwann den Boden unter den Füßen.
Ihr Volker Schilling