Die Greiffbar

Investments zu Anfassen

Trittfest

Welche Themen waren diese Woche am Finanzmarkt relevant?

  • Rücktritt
  • Austritt
  • Fehltritt

Rücktritt

Halloween steht vor der Tür. Eigentlich die Zeit, in der Gespenster auftreten und Kürbisse ausgehöhlt werden. Doch diese Woche hatten weniger die Geister als vielmehr die Tritte Hochkonjunktur. Den spektakulärsten Rücktritt lieferte Christine Lagarde. Die EZB-Präsidentin nimmt im Februar vorzeitig ihren Hut, während ihre Notenbank diese Woche bei den Zinsen weiter auf der Stelle tritt. Auch die Fed verweigerte den nächsten Zinsschritt. Zwei Notenbanken, kein Schritt vorwärts, dafür ein prominenter Schritt zurück. Der Zeitpunkt dürfte kaum Zufall sein. So können Macron und Merz noch vor der französischen Präsidentschaftswahl einen Nachfolger mitbestimmen, bevor womöglich Le Pens Lager mit am Tisch sitzt. Ob Lagarde damit auch Frankreichs nächster Schuldenkrise aus dem Weg treten möchte, bleibt Spekulation. Jedenfalls treten die französischen Staatsfinanzen den Gläubigern zunehmend auf die Füße. Zehnjährige Staatsanleihen rentieren um fünf Prozent. Bei rund 119 Prozent Staatsverschuldung gemessen am BIP ist das ein schmerzhafter Tritt gegen das eigene Schienbein. Immerhin wagt die deutsche Konjunktur einen kleinen Fortschritt. Der ifo-Index erreichte den höchsten Stand seit 2023. Vielleicht kommt Deutschland endlich aus dem Stand. Allerdings sollte man einen ersten Schritt nicht gleich mit einem Siebenmeilenstiefel verwechseln. Zumal die Wirtschaft weniger einen beherzten Auftritt als einen kräftigen Tritt aufs Gaspedal benötigt.

Austritt

In Brasilien wurde aus dem Wahlkampf ein regelrechter Trittwechsel. Lula gewann die Stichwahl mit 51,8 Prozent, sein Herausforderer Flávio Bolsonaro erhielt 48,2 Prozent. Der wollte seine Niederlage allerdings nicht einfach hinnehmen und trat kurzerhand die Ausreise in die USA an. Kaum angekommen, erklärte er sich zum politischen Führer Brasiliens. Ein bemerkenswerter Auftritt nach einem verlorenen Rennen. Während Lula seinen erneuten Amtsantritt vorbereitet, übt sich Bolsonaro im Nachtreten. Auch an der Börse ging es temperamentvoll zu. Der Bovespa vollführte zwischen Wahlhoffnung und Wahlergebnis eine Achterbahnfahrt. Einen ganz anderen Auswärtsschritt wagt Audi. Vorstandschef Gernot Döllner kündigte bei seinem Trump-Auftritt Investitionen von 4,2 Milliarden Dollar für ein neues US-Werk an. Prompt war die Empörung in Deutschland groß. Dabei sollte man die Kirche im Dorf lassen und mit den Füßen am Boden bleiben. Wer in Amerika Milliarden investieren will, darf dem Hausherrn ruhig ein wenig auf die Füße schauen, statt ihm gleich auf die Zehen zu treten. Diplomatie ist schließlich kein Fehltritt, sondern manchmal schlicht die Eintrittskarte zum Geschäft. Während in Amerika aufs Gaspedal getreten wird, stehen deutsche Standorte unter Spardruck. Mercedes musste nach schwachen China-Geschäften die Gewinnprognose senken, VW verkündet sogar einen Milliarden-Quartalsverlust. Deutschlands Autobauer treten zunehmend im Ausland aufs Gas, während daheim auf die Kostenbremse getreten wird. Und Bundeskanzler Merz tritt seine Asienreise an, um neue wirtschaftliche Türen aufzustoßen. Vielleicht wäre es hilfreich, wenn Deutschland Investoren künftig nicht nur auf roten Teppichen den Vortritt ließe, sondern auch bei Genehmigungen. Sonst wird aus dem Aufbruch wieder ein Stillstand mit Anlauf.

Fehltritt

An der Börse entscheidet nicht nur, wer vortritt, sondern auch, wer danebentritt. Alphabet bekam das nach seinen Quartalszahlen zu spüren. Die Aktie geriet nachbörslich kräftig unter Druck, während Microsoft mit starken Ergebnissen glänzte. Im KI-Wettlauf reichen angekündigte Fortschritte nicht aus. Irgendwann müssen die Milliardeninvestitionen auch Erträge abwerfen. Anthropic meldete im Börsenprospekt einen Halbjahresverlust von 80,7 Milliarden Dollar, davon rund 72 Milliarden durch die Neubewertung wandelbarer Finanzinstrumente. Je wertvoller das Unternehmen, desto größer der bilanzielle Verlust. Ein buchhalterischer Fehltritt der besonderen Art. Während Speicherchiphersteller volle Auftragsbücher melden, treten Rechenzentren beim Stromverbrauch kräftig aufs Pedal. Vielleicht profitieren am Ende ausgerechnet die vermeintlichen Trittbrettfahrer: Kabelhersteller und Stromversorger. Dass Börsenkurse und Fortschritt nicht immer im Gleichschritt marschieren, zeigte schon der Schwarze Dienstag vor 97 Jahren. Doch statt vor dem nächsten Crash zu zittern, rechne ich mit einer Jahresendrally. Wie diese Woche im Interview erläutert, sprechen aus meiner Sicht die starke Saisonalität des vierten Quartals, die Perspektive nach den US-Zwischenwahlen und attraktivere Bewertungen für steigende Kurse. Auch Nebenwerte könnten endlich aus dem Windschatten der Technologieriesen hervortreten. An der Börse gibt es Rücktritte, Austritte und Fehltritte. Nur eines sollte man sich nicht leisten: den verpassten Eintritt in die Aktienanlage. In den kommenden zwei Wochen tritt meine Kolumne übrigens etwas kürzer. Urlaubsbedingt bleiben die nächsten beiden Ausgaben aus. Danach folgt der Wiederantritt, hoffentlich gut erholt und ohne Fehltritt.

Ihr Volker Schilling

Weitere Beiträge

Fluxkompensator

„Zurück in die Zukunft" – wer wünscht sich das nicht, in diesen Zeiten der Umbrüche?...

Puuh

Die einen haben ständig Hunger, die anderen ständig Angst und die Dritten ständig Höhen...

Börsenzoo

Schildkröten haben Geduld, Krokodile schnappen zu und Löwen wollen den größten Teil...